Institut für Theoretische Physik

Institut für Theoretische Physik Arbeitsgruppe Halbleiterphysik

Nachruf auf Prof. Dr. Peter Richter - 13. November 1945 - 19. Mai 2015

Prof. Dr. Peter Richter

Am 19. Mai 2015 verstarb unser Kollege und Freund Peter H. Richter, Professor für Theoretische Physik an der Universität Bremen und einer der Pioniere der Chaos-Forschung in Deutschland. Peter Richter wurde am 13.11.1945 in Fallingbostel geboren. Dort hatten seine aus den deutschen Ostgebieten stammenden Eltern nach der Flucht eine erste Bleibe gefunden; später lebte die Familie in Osnabrück, wo Peter 1964 sein Abitur machte.  Er studierte Physik in Göttingen, finanziell ermöglicht durch die Studienstiftung des deutschen Volkes, und diplomierte mit einer Arbeit zur Supraleitung bei Gerhart Lüders. Seiner Alma Mater blieb Peter immer verbunden. Zur Promotion ging Peter Richter nach Marburg zu Siegfried Großmann und beschäftigte sich mit der Theorie der Phasenübergänge, und es  entstanden einige viel beachtete Publikationen zur Laser-Theorie. Nach der Promotion ging Peter Richter 1973 zurück nach Göttingen ans Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie (MPIBPC) zum Chemie-Nobelpreis-Träger Manfred Eigen.  Mit ihm verfasste er einen Artikel zu diffusions-kontrollierten Reaktionsraten, die zu Peters meist zitierten Publikationen gehört, danach setze er seine Forschung am MPIBPC u.a. im Bereich der Netzwerk-Theorie des Immun-Systems fort.   1977 wechselte Peter Richter in die USA zum Chemiker John Ross und arbeitete mit ihm  (am MIT in Boston und  in Stanford) an chemischen Instabilitäten und oszillierenden Reaktionen, d.h. chemischen Systemen fern vom Gleichgewicht.

1980 folgte der Ruf nach Bremen. Relativ bald entwickelte sich eine Kooperation und Freundschaft mit dem Bremer Mathematik- Professor Heinz-Otto Peitgen im Forschungsschwerpunkt „Dynamische Systeme“. Peter Richter war fasziniert von dem, was man später die „Chaostheorie“ nannte. Die Kooperation mit der Mathematik erwies sich als sehr erfolgreich. Das gemeinsam mit H.O. Peitgen verfasste Buch „The Beauty of Fractals“ fand sich bald auf den Bestsellerlisten. Mit der „Bremer Chaosforschung“ und dem Institut für Dynamische Systeme wurde die damals noch junge  Universität Bremen in den 80er-Jahren erstmals auch überregional für exzellente Forschung bekannt, und daran hatte Peter Richter maßgeblichen Anteil. Die Arbeiten wurden durch die Volkswagenstiftung und die DFG gefördert, und Anfang der 90er-Jahre wurde das Graduiertenkolleg „Komplexe Dynamische Systeme“ etabliert, dessen erster Sprecher  Peter Richter wurde. Im Folgenden forschte Peter Richter weiter in der mathematischen Physik, wo er zusammen mit seinen Mitarbeitern die komplexe „chaotische“ Dynamik mechanischer Systeme wie das Doppelpendel und Dreikörperprobleme studierte. Sie entdeckten den Goldenen Schnitt in der Dynamik des Doppelpendels und studierten integrable und nicht-integrable Bewegungen von Kreiseln. Nach seinen Plänen wurden in der mechanischen Werkstatt des Fachbereichs Doppel- und Dreifach-Pendel und Kreisel hergestellt. Sie eignen sich hervorragend als Demonstrationsobjekte in Vorlesungen und Vorträgen und verblüffen immer wieder aufs Neue durch die unterschiedlichen und unerwarteten Bewegungstypen, die sich nach Einstellen geeigneter Anfangsbedingungen ergeben. Ein größeres, nach Peters Plänen hergestelltes und zuerst auf der EXPO 1992 in Sevilla ausgestelltes „Chaospendel“ steht heute vor dem Gebäude NW1 der Universität Bremen.
Peter Richter war bei seinen Studierenden bekannt für ausgezeichnete und anspruchsvolle Vorlesungen. Mit seiner Begeisterung für die Physik und Mathematik vermochte er es immer wieder, besonders begabte Studenten in seinen Bann zu ziehen und als Doktoranden zu gewinnen, und zahlreiche seiner ehemaligen Doktoranden sind heute selbst Professoren (u.a. Bruno Eckhardt, Christof Jung, Holger Dullin, Holger Waalkens, Jan Wiersig, über die ganze Welt verteilt in Marburg, Mexico, Sydney, Groningen und Magdeburg).
Mitte der 90er-Jahre reduzierte Peter Richter seine Stelle einige Jahre lang auf eine Teilzeit-Stelle, um sich mehr um seine Söhne kümmern zu können und so seiner Frau Christiane ihre eigene Karriere als Wissenschaftlerin (Professorin für Molekulare Neurobiologie an der Universität Oldenburg) zu ermöglichen. Eine Teilzeit-Stelle war damals für einen Universitätsprofessor noch sehr ungewöhnlich in Deutschland, und auf diese Weise setzte Peter Richter ein Beispiel dafür, wie zwei Wissenschaftlerkarrieren und Familie vereinbart werden können, lange bevor es „dual career“-Förderung offiziell gab.


Nach seiner Rückkehr auf eine Vollzeit-Stelle übernahm Peter Richter auch administrative Aufgaben und war von 2002 bis 2005 Konrektor für die Lehre. Es war die Anfangszeit des Bologna-Prozesses und Peter Richter trug durch seine ausgleichende Art maßgeblich zu einer zügigen Umstellung der Bremer Studiengänge von Diplom und Magister auf Bachelor und Master bei. Im Fachbereich organisierte er von 2000 bis 2010 das physikalische Kolloquium, eine Aufgabe, die er offenkundig mit großer Freude übernahm. Für ihn war es ein Höhepunkt, dass er Anfang 2008 den Nobelpreisträger Peter Grünberg im Kolloquium vorstellen und die Diskussion moderieren durfte.
Nach dem Eintritt in den offiziellen Ruhestand Anfang 2011 übernahm Peter Richter noch für 3 Jahre eine „Wilhelm und Else Heraeus-Seniorprofessur“, um neue Konzepte für die Physik-Lehrer-Ausbildung in theoretischer Physik zu entwickeln in einem von seinem Doktorvater Siegfried Großmann und Ingolf Hertel initiierten Projekt. In diesem Zusammenhang hielt Peter auch noch dreimal eine gesonderte Vorlesung über mathematische Grundlagen der Physik für (Bachelor-) Lehramtsstudierende mit Fach Physik im ersten Semester, und er ist Koautor der 2014 erschienenen DPG-Studie „Zur fachlichen und fachdidaktischen Ausbildung für das Lehramt Physik“.
Der Studienstiftung des deutschen Volkes, die ihm selbst sein Studium ermöglicht und finanziert hatte, blieb Peter Richter Zeit seines Lebens verbunden. Für viele Jahre war er Vertrauensdozent der Studienstiftung an der Universität Bremen, und für die Studienstiftler war er ein hervorragender Betreuer (und Gastgeber).  Auf Seminaren und Sommerakademien der Studienstiftung trat er als Referent auf und riss die Zuhörer und Teilnehmer mit seiner Begeisterung mit.
Seine Hobbies waren das Geigenspiel, der Sternenhimmel und chinesische Kultur und Sprache. Er war viele Jahre lang Vorsitzender der Bremer Olbers-Gesellschaft (für Amateur-Astronomie), und ihr Planetarium beschrieb Peter gern als das „schönste Spielzeug“, das er je hatte.  Zum 75-jährigen Bestehen der Olbers-Gesellschaft erschien ein Buch "Sterne, Mond, Kometen", dessen Herausgeber Peter Richter war. Als Hobby-Astronom hatte er auch ein Computer-Programm, das die Berechnung der Planeten-Positionen und des Sternenhimmels an einem bestimmten Datum erlaubt. Sternenkarten mit den Koordinaten ihres Geburts-, Examens- oder Ernennungstages verschenkte Peter gerne an Freunde, Absolventen und Kollegen, beispielsweise auch im Rahmen der Absolventenfeiern seines Fachbereichs.
Peter Richter verkörperte mit seinem Engagement für exzellente Forschung und anspruchsvolle Lehre das Ideal eines Professors. Alle, die ihn kannten, werden ihn nicht vergessen, und er soll uns ein Vorbild bleiben für unser eigenes Engagement in  Forschung und Lehre.

Sternenkarte des Sterbedatums Sternenkarte des Sterbedatums